Die Akademie – Ein umfassender Einblick

Hans-Jürgen Fink

„Wir lernen und singen gemeinsam“, und „Wir leben die europäische Idee.“ Das sagen selbstbewusst die Sängerinnen und Sänger der EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ (ECA), die seit Dezember 2017 in der sächsischen Stadt ihren Hauptsitz hat.

Görlitz in der südöstlichen Ecke der Bundesrepublik. Ein städtischer Raum, der durch einen Federstrich der Mächtigen nach dem Zweiten Weltkrieg entlang der Neiße zerrissen wurde und geteilt in das westliche Görlitz und in das östliche, nun zu Polen gehörende Zgorzelec. Beide schauen als Europastadt seit 1998 gemeinsam in die Zukunft.

Hier hat Professor Joshard Daus für die 1997 in Bremen und Mainz gegründete EUROPA CHOR AKADEMIE, den Kern seines Lebenswerks, eine neue Heimat gefunden. In der traditionsreichen Handelsstadt auf der Mitte der Via Regia, der ältesten und längsten Ost-West-Verbindung Europas, die den Kontinent von Kiew bis nach Santiago de Compostela überspannt. Hier erkannte Daus den gewachsenen kulturellen Kraftort, den er lange suchte und den er nun immer stärker mit der EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ verknüpfen kann.

Daus gehört zu den bekanntesten deutschen Chordirigenten und hat Chöre und Orchester von Weltruf geleitet. In seiner Heimatstadt Hamburg hat er Schulmusik studiert und ein Kapellmeisterstudium absolviert. 1985 wurde er an der Universität Mainz Professor für Chor- und Orchesterleitung und Direktor des Collegium musicum. Kurz darauf begann seine enge Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Sergiu Celibidache, dem Daus wesentliche Impulse für seine Arbeit verdankt. Unter ihm war Daus von 1990 bis 1993 Chordirektor der Münchner Philharmoniker; später leitete er einige Jahre die Sing-Akademie zu Berlin, die weltweit älteste Chorvereinigung.

Angetrieben wird das nicht allein von den vielen Konzerten der EUROPA CHOR AKADEMIE, sondern von der Idee, in Görlitz in einem Exzellenzzentrum junge Chorsänger, Solisten und Chorleiter neben oder nach dem Studium in einem zusätzlichen exklusiven Coaching über zwei Jahre weiter zu qualifizieren – ein lernbegieriger Kern von 25 passionierten Musikerinnen und Musikern aus Europa, die mindestens sechsmal pro Jahr bei den Konzert-Projekten der Akademie dabei sind, mit einem Stipendium und freier Logis unterstützt sowie durch hochkarätige Dozenten in Meisterklassen, im Unterricht in Gesang und Dirigieren weiter qualifiziert werden und sich so beste Voraussetzungen für den Erfolg in einem musikalischen Beruf erwerben.

In zwanzig Jahren formte Daus so die EUROPA CHOR AKADEMIE zu einem flexiblen, hochklassigen Ensemble für Chorsinfonik, Opernproduktionen und a-cappella-Konzerte, dessen Repertoire von den großen Oratorien des 18. Jahrhunderts bis zur zeitgenössischen Musik reicht. Aus den unterschiedlichen Chortraditionen in Europa wächst im intensiven gemeinsamen Studium ein einzigartiger Klangkörper. Das Können und die Möglichkeiten der EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ werden nun aus der Mitte des Kontinents die Botschaft vom einigen und friedlichen Europa in die bedeutendsten Konzerthallen tragen.

Genau das probt und lebt die jeweilige Auswahl aus dem Netzwerk der an die 200 Sängerinnen und Sänger in Görlitz, wenn sie dort ihre pro Jahr etwa 20 Projekte einstudieren. Die Sängerinnen und Sänger kommen gern wieder. „Professor Daus ist einfach faszinierend genau in seiner Chorarbeit“, sagt Laura Stawcikaite, 35, aus Litauen. Die Arbeit in der Akademie hilft beim Aufbau eines eigenen internationalen Netzwerks, erklärt Mantas Jarasunas, 19, der zurzeit in Graz studiert, „und es ist einmalig, mit Sängerinnen und Sängern dieser Qualität singen zu dürfen.“ Ilona Pliavgo, 31, die selbst bereits als Solistin auf Opernbühnen gesungen hat, vertieft ihr Wissen als Chor-Sängerin, und Wieslaw Delimat, 51, selbst Musikprofessor in Krakau, sucht auch das emotionale Erlebnis:„Manche Dinge hier muss ich einfach mitsingen, das ist mein Herz und Leben.“

Konzertpraxis und wissenschaftliche Begleitung dienen immer Daus’ zentralem Anliegen: den Kulturriss und die Krise des Chorgesangs zu überwinden, die durch den Missbrauch des Singens durch die Nazis entstanden waren. Er arbeitet daran, das Singen als gesellschaftliche Kraft neu und kräftiger denn je zu positionieren.
In Görlitz, also im Herzen Europas, liegen etliche Wunschorte der EUROPA CHOR AKADEMIE – das alte Haus, das Sängerinnen und Sänger während der Probenphasen beherbergt, Verwaltungsräume nahe der Peter-und-Paul-Kirche. Die Akademisten fahren zu jeder Probe über die Neiße-Brücke nach Polen am Rand von Zgorzelec zum Meeting Point Music Messiaën, wo auch Platz für Konzerte ist. Der französische Komponist Olivier Messiaën war hier im Stalag VIII-A, einem Kriegsgefangenenlager der Nazis, interniert. Sein „Quatuor pour la fin du temps“ wurde 1940/41 hier komponiert und uraufgeführt.

Aber es gibt noch weiter reichende Visionen, für die in Görlitz, bei der EUROPA CHOR AKADEMIE, und bei den Freunden des Projekts derzeit Grundsteine gelegt werden und die auch im politischen Berlin unterstützt werden. Aktuell wird die Görlitzer Stadthalle, ein einzigartiges Jugendstil-Juwel von 1910, grundsaniert. Hier und da flüstert man schon den möglichen Namen „Via Regia Philharmonie“. Auch die Alte Synagoge soll bald wieder als Kulturforum für Konzerte genutzt werden können. Beides sind Ankerpunkte für ein Musikfestival. Eines in der großen Tradition der Schlesischen Musikfeste, wie sie seit 1876 in Görlitz stattfanden. Eines, dass umgebende Kulturlandschaft einbindet – der längst überfällige Fokus auf eine kulturreiche Region im Aufbruch.

Früher war es nicht ungewöhnlich, dass die Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler nach Görlitz reisten. Die EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ kann solche Traditionen fortsetzen, sie hat schon immer mit bedeutenden Dirigenten und Orchestern gearbeitet: Sylvain Cambreling, Michael Gielen, Rafael Frühbeck de Burgos, Kent Nagano, Fabio Luisi, Gerd Albrecht, Plácido Domingo, Ingo Metzmacher, Sir Simon Rattle oder Sir Jeffrey Tate. Auftritte führten sie u.a. in die Carnegie Hall in New York, zum Festival in Aix-en-Provence und nach China. Die Aufnahme von Schönbergs „Moses und Aron“, dirigiert 2012 von Sylvain Cambreling, wurde für einen Grammy nominiert.

Sir Jeffrey Tate und die „Symphoniker Hamburg – Laeiszhalle Orchester“ haben eine langfristige Zusammenarbeit mit der Chor-Akademie vereinbart, die dessen Nachfolger Sylvain Cambreling als neuer Chefdirigent der Symphoniker weiterführt – als Residenzchor des Orchesters in der Hamburger Laeiszhalle und mit Auftritten in der Elbphilharmonie. Die Symphoniker Hamburg waren zu ersten Projekten in Zgorzelec. Die Akademie hat außerdem Kooperationen mit polnischen Hochschulen begründet.

Die EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ zeigt, wie attraktiv kulturelle Aktivitäten eine Stadt machen können. In einer Zeit strukturellen Wandels ist eine solche Vitalisierung zur pulsierenden musikalischen Keimzelle für die Region Görlitz/Zgorzelec ein logischer Schritt. Einer, der Künstler aus aller Welt anlockt und dafür sorgt, dass die Region wieder ins Scheinwerferlicht rückt. Und einer, der helfen wird, gegen alte Grenzen und neu aufkommenden Nationalismus anzuarbeiten. Denn hier ist Europa nicht nur ein Wort.